Laut Prognose wird der Jahresumsatz ätherischer Öle in Deutschland »im Jahr 2023 rund 2191,2 Millionen Euro betragen«. [1]

»Für die weltweite Nachfrage nach ätherischem Öl wird eine dramatische Zunahme zwischen 2018 und 2025 erwartet; von 226,9 Kilotonnen auf 404,2 Kilotonnen.« [2]
Die zwei Spitzen-Import-Länder im Jahr 2017 »waren Libanon und die USA, mit Importwerten von 13,75 bzw. 13,54 US-Dollar. [Ebenso waren] die USA ein Hauptprozent und Exporteur von ätherischen Ölen und Resinoiden.« [2]

Young Living Essential Oils, eine der führenden Multi-Level-Marketing-Firmen aus den USA, knackte 2017 das dritte Jahr in Folge einen Jahresumsatz von 1 Milliarde US-Dollar - dieses Mal mit 1,5 Milliarden! Die Gewinne stiegen in den letzten 5 Jahren um 800 Prozent. [4]

»Der Marktwert für ätherische Öle weltweit wird erwartungsgemäß von ca. 17 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 auf 27 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 steigen. Europa beansprucht dabei den größten Anteil des globalen Ätherisch-Öl-Markts, während der Asiatisch-Pazifische Raum sich mit Nordamerika den 2. Platz teilen.« [5]

Zeit für Nachhaltigkeit

Der Ätherisch-Öl-Markt ist keine Kleinigkeit. Der Markt zum Verkauf der puren Ölprodukte hat in den letzten Jahrzehnten der Parfümindustrie den Rang abgelaufen. Der »Aromatherapie«-Markt ist jetzt Bestimmer und die Zahlen sprechen von einem knallharten Geschäft. Ein riesiges Geschäft!

Zeit, sich endlich tiefgründig mit der Debatte um die Nachhaltigkeit der Aromatherapie zu beschäftigen. Zeit, den eigenen ökologischen Fußabdruck in der Ätherisch-Öl-Welt zu überprüfen und informiert, bewusst und verantwortungsvoll den eigenen Bedarf in Praxis, Seminar und privat zu decken.

Aspekte des Ökologischen Fußabdrucks in der Aromatherapie

Der wichtigste erste Schritt ist wohl die Erkenntnis, dass wir alle Einfluss haben. Im Guten wie im Schlechten. Im zweiten Schritt können wir uns einen Überblick verschaffen: Was bestimmt unseren individuellen Ressourcenverbrauch und was bedeutet »Ressource« eigentlich alles im Kontext der Aromatherapie?

Der Ökologische Fußabdruck ist: 

[…] die biologisch produktive Fläche auf der Erde, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen (unter den heutigen Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen. Er wird als Nachhaltigkeitsindikator bezeichnet. Das schließt Flächen ein, die zur Produktion von Kleidung und Nahrung oder zur Bereitstellung von Energie benötigt werden, aber z. B. auch zur Entsorgung von Müll oder zum Binden des durch menschliche Aktivitäten freigesetzten Kohlenstoffdioxids. Der Fußabdruck kann dann mit der Biokapazität der Welt oder der Region verglichen werden, also der biologisch produktiven Fläche, die vorhanden ist.

Wikipedia.de

Definition »Ökologischer Fußabdruck«

Die Entscheidung ein einziges Fläschchen Öl zu kaufen, beeinflusst also:

  • die Pflanze selbst: Ist eine Nutzung dieser Pflanze ökologisch vertretbar? Dazu siehe unten: CITES – wenn Handel kontrolliert werden muss
  • das Land auf dem die Pflanze wächst: Ist es Wildnis oder Kultur? Ist Wildnis vertretbar? Ist es eine Monokultur? Sind es große Kulturen, deren »Immunsystem« anfällig ist bei Extremwetter, Heuschrecken, Pilze etc.?
  • die Art der Kultur: Biologische, zyklische, permakulturelle Anbauweisen sind klug. Pestizideinsatz in konventionellem Anbau hat Einfluss auf das lokale Ökosystem, die Menschen, die damit in Kontakt sind und natürlich auch unser Endprodukt
  • die Bauern und Sammler, also jene Menschen, die Säen, Pflegen, Ernten: Werden sie fair entlohnt? Sind sie ausgebildet? Haben sie die ökonomische Freiheit ökologisch sinnvoll zu handeln?
  • die Destillation: Wie werden die Destillationen befeuert? Sind es energiesparende Systeme? Oder sind sie gar gesundheitsgefährlich für die Destillateure durch z. B. viel Rauchaustritt? Wird vor Ort oder in Kooperationen destilliert – oder werden ganze Laster voll auf einen anderen Kontinent transportiert, um dort zu destillieren?
  • Nutzung aller Pflanzenendprodukte: Werden nur ätherische Öle verkauft oder auch die Hydrolate? Was passiert mit dem Pflanzenrückstand im Kolben?

(Fortsetzung unter Beispielen)

Monokultur macht instabil

Die Natur bringt selbst nur diverse Systeme hervor, die sich gut gegegenseitig stärken. So schön Lavendelfelder bis zum Horizont auch wirken: Sie sind ein instabiles System, das anfällig für Krankheiten ist. Seit 2000, als die Felder in Frankreich durch Trockenheit geschwächt wurden, wurden die Lavendelfelder von Zikaden mit Bakterien infiziert. 1/3 des Bestands ist verloren, die Felder müssen erst einmal brach liegen und Frankreich wurde der Rang in Sachen Lavendel-Weltproduktion abgelaufen. Die Krankheit betrifft Lavandula angustifolia und sprang später über auf Lavandula x intermedia. [7]

Restprodukte der Destillation

1 kg Rosenhydrolat produziert 2 kg nasses Restmaterial. Für 1 kg ätherisches Rosenöl braucht es 3-4 Tonnen Blüten, die ungefähr 6-8 Tonnen Restmaterial anfallen lassen. Während Lavendel-Restmaterial als Mulch verwendet werden kann (was in den großen Mengen aber auch herausfordernd zu verteilen gilt), sammeln sich bei anderen schwierigere Stoffe an (siehe folgend das Beispiel mit der Rose). Man kann es nicht einfach auf Felder und Co verteilen. Das Restmaterial wird üblicherweise zur Verrottung angehäuft und wird bei zunehmender Menge problematisch. Ein fantastischer Artikel (engl.) über diese Problematik wurde von Dr. Ratajc verfasst. [8]

In der Rosendestillationsindustrie fallen große Mengen an Restwasser an, da die Rose eine der wenigen Pflanzen von höchster wirtschaftlicher Bedeutung ist, in denen Wasserdestillation [Anm.: im Gegensatz zur Wasser*dampf*destillation] eingesetzt wird. Jede Destillation von 500-1000 kg Rosenblütenblättern erzeugt 4000 Liter Restwasser, das hohe Mengen an schwer abbaubaren Polyphenolen enthält und daher als Bioverunreinigung behandelt werden sollte (Rusanov et al. 2014). Eine extrahierte Fraktion, die reich an Quercetin, Kaempferol und Ellagsäure ist, erwies sich jedoch als potenter Tyrosinase-Inhibitor und könnte als aktiver kosmetischer Wirkstoff zur Reduzierung der Hyperpigmentierung eingesetzt werden (Solimine at al. 2016). [8]

Dr. Petra Ratajc

The Phytovolatilome

Fortsetzung: Einflüsse auf die Nachhaltigkeit von ätherischen Ölen

  • die faire Entlohnung: Gibt es genug Geld für die Bevölkerung vor Ort, um nachhaltig zu wirtschaften, sich selbst etwas aufbauen zu können, Bildung und gute Nahrung und medizinische Versorgung zu sichern? Gilt das auch für Destillateure? Oder fließt das Geld nur zu Zwischenhändlern und Vermarktern.
  • der Transport: Wie reisen die Rohstoffe und wie oft reisen sie hin und her? Wo kaufen wir selbst ein, um die Transportwege mitzugestalten?
  • die Lagerung: Worin wird gelagert, in gut wieder verwertbaren Behältern? Gibt es dazu Rückholsysteme von den Großhändlern? Energiesparende Lager? Mit welchen Materialien wird hier gearbeitet? Ist es sinnvoll platziert, um Transporte klein zu halten?
  • die Verpackung, der Versand: Glas oder Plastik? Die Wahl des Glases entscheidet über die Haltbarkeit und damit auch wieder wie schnell wir ein Produkt neu kaufen müssten oder eben wie lange wir es verehren können. Einen Glas-Vergleich habe ich hier einmal angestellt. Zumindest beim Hydrolat wird Plastik häufig eingesetzt, um das Transportgewicht nicht in die Höhe schnellen zu lassen. Wer Öle bestellt, kann auch einen Blick auf die Versandverpackung werfen. Einige Händler verschicken seit etlichen Jahren schon plastikfrei / plastikbewusst. Welcher Versanddienstleister wird gewählt? Wird CO2 kompensiert oder werden Zusteller getrackt und müssen engmaschigen Zeitvorgaben folgen?

Diese Fragen sind für jede einzelne Ölflasche erneut zu stellen. Denn Aromatherapie verbindet die Welt, bedient sich Düften von überall her. Sie hat damit Einfluss in alle Ecken und dieser kann, je nach Einstellung und Nachfrage, auch positiv sein. Die Antworten auf die obigen Fragen sind je nach Pflanze individuell, denn sie sind immer anders, sei es in der Anpflanzung, Sammlung, Destillation. Hier zwei weitere Beispiele:

Ökonomischer Druck tötet Bäume

In manchen Weihrauchgebieten stehen die Sammler unter solch ökonomischem Druck, dass sie »ihre« Bäume auch in Zeiten von Dürre abernten müssen – oder gar die »Nachblutung« der Ernte, die unbedingt am Baum bleiben muss, abnehmen. Die Bäume werden krank und sterben. Und die Sammler verlieren ihre einzige Einnahmequelle.

Bäume brennen für 24 h Destillationen

Um Ylang Ylang in seiner Vollständigkeit zu destillieren (Ylang Ylang complète) wird es 24 Stunden lang destilliert. Aber woher soll all diese Energie kommen? Man verfeuert Bäume, ganze Bäume, etliche Bäume, immer und immer wieder. Dann mag vielleicht Ylang Ylang selbst nicht bedroht sein, aber die Nachfrage bedroht den heimischen Baumbestand.

Verbrauchern ist wenig bekannt, dass die Destillation ätherischer Öle beträchtliche Energieressourcen erfordert, die in Entwicklungsländern in der Regel durch Holz bereitgestellt werden. [9]

Evaluation of the Ylang value chain – Improved Distillation programme

Wer englisch spricht, kann sich in dieses Projekt einer NGO einlesen, die sich von 2013 bis 2021 vor Ort auf den Komoren für eine energieeffiziente Destillation von Ylang Ylang einsetzt. Finanziert von Frankreich, denn diese sind die Abnehmer des Öls.

Greenwashing: Nachhaltigkeit, die keine ist

 

Prestige-Objektbauten

Auch wenn sie »Krankenhäuser« genannt werden, ersetzen sie keine faire Entlohnung. Selbstverständlich ist es wichtig, dass man im Falle des Falles ein Krankenhaus, einen Arzt etc. aufsuchen kann. Aber forscht gern einmal nach, wie viele von diesen Prestige-Objekten wirklich gebaut, sinnvoll ausgestattet und betreut werden.

Wenn ihr euch vorstellt, dass ihr einmal auf Hilfe angewiesen sein solltet: Würdet ihr es okay finden Lebensmittelgutscheine zu bekommen oder lieber Geld für eine freie Selbstbestimmung? Faire Entlohnung muss die Grundlage jeder Geschäftsbeziehung sein. Und wenn wir ein Ätherisch-Öl-Fläschchen kaufen, darf uns bewusst sein, dass wir gerade eine Geschäftsbeziehung zu jemandem in Indonesien, Südamerika, Australien, Frankreich oder China aufbauen. Ist diese fair?

 

Was tun mit den Hydrolaten?

Hydrolate, die Pflanzenwasser, waren noch im Mittelalter ein Heilmittel der Wahl. Dann verschwanden sie. Sie erleben seit ein paar Jahren ihr großes Come-Back und sind daher auch ein lukratives Produkt, das ja ohnehin bei der Destillation von ätherischen Ölen mit anfällt. Warum sollte man dies nicht mit verkaufen? Nun, sie sind nicht so lange haltbar wie ätherische Öle, brauchen mehr Platz (größere Flaschen), haben mehr Transportgewicht. Uncool, sagen sich jetzt ein paar Duft-Giganten. Mitunter begegnet man dann ganz kreativen Greenwashing-Aussagen: Da werden Hydrolate »der Natur zurückgegeben«. Selbst in einer romantischen Vorstellung davon könnte es pflanzenbedrohlich sein, so viel Hydrolat aufs Feld zu kippen. Und da durchaus auch nicht dort destilliert wird, wo angebaut wird (Länder und gar Kontinente liegen dazwischen), wird dem Ursprungsland nichts zurückgegeben. Sozial und nachhaltig wäre es, Hydrolate, wenn man sie schon nicht verkaufen will, der Bevölkerung zurück zu geben und sie in der Anwendung ihrer heimischen Pflanzen in Hydrolate-Form zu unterweisen. Vielleicht lassen sich traditionelle Heilmethoden damit aufgreifen und erweitern.

 

Rückverfolgbarkeit

Nachverfolgbarkeit ist eine immer gefragtere Eigenschaft von Produkten. Wer schon nicht direkt vom Bauern beziehen kann, hat in modernen Supermärkten die Möglichkeit, selbst Convenience-Produkte mit Rückverfolgungscode zu erstehen. Es bedient ein Bedürfnis der auf Nachhaltigkeit gesinnten Kundschaft. Marketing-Experten wissen das und es entstehen Label, die diese Rückverfolgungsmöglichkeit suggerieren sollen. Aber sind sie wirklich zurückverfolgbar?

Kaufe ich meine Öle direkt von Herstellern, bin ich an der Quelle. Für uns Deutschsprachige ist Soleone Pantelleria (Italien), Fonte Penedo (Portugal) und für Weihrauch Nature is Unique (Berlin, Onlineshop in wenigen Wochen online) eine gute Adresse. Aber auch Maienfelser destilliert selbst, was bei ihnen wächst. Bei Senti wollte ich zu einer botanischen Klärung einmal wissen, wie die Blüte einer Pflanze aussah. Am nächsten Tag (!) hatte ich ein Foto von dem Bauern in Portugal in meinem eMail-Postfach.

CITES – wenn Handel kontrolliert werden muss

CITES steht für Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora, im deutschsprachigen Raum bekannt unter dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen.

Am 3. März 1973 wurde in Washington eine internationale Konvention unterzeichnet, »die einen nachhaltigen, internationalen Handel mit den in ihren Anhängen gelisteten Tieren und Pflanzen gewährleisten soll. […] CITES greift nicht in die Souveränität eines Staates ein, d. h., die rechtliche Umsetzung und der Vollzug obliegen jedem Mitgliedstaat.« [5]

Die berühmten Appendices von CITES listen international bedrohte Arten auf, die als besonders schützenswert gelten, um einen langfristigen Handel zu gewährleisten. Der Handel ist also nicht verboten, sondern streng reglementiert, damit bestandsverträglich geerntet wird. In den Appendices wird auch benannt, worauf sich der Schutz bezieht, also um bestimmte Pflanzenteile, ganze Pflanzen oder gar Produkte aus den Pflanzen wie z. B. das ätherische Öl. So kann es sein, dass Pflanzenteile nicht unreglementiert außer Land gebracht werden dürfen, wohl aber das ätherische Öl. Dann gibt es mitunter spätere Anpassungen. Z. B. geschah dies bei der Narde, für die der Handel mit dem ätherischen Öl nachträglich aufgenommen wurde.

Für die hiesige Aromatherapie relevante Pflanzen finden sich im Appendix II:

  • Nardostachys grandiflora (Narde) = Nardostachys jatamansi
  • Aniba rosaeodora (Rosenholz)
  • Bulnesia sarmientoi (als Palo Santo verkauft; häufiger ist Palo Santo von Bursera graveolens, dessen Bestände auch nicht so rosig sind)
  • Guaiacum spp. (als Palo Santo verkauft oder als Guajak)
  • Aquilaria ssp. (Adlerholz bzw. Oud)

Sind CITES gelistete ätherische Öle eigentlich noch »kaufbar«?

Sollten ätherische Öle von Pflanzen auf dieser Liste überhaupt noch konsumiert werden? Wir wissen, dass es sehr viel Pflanzenmaterial braucht, um wenig ätherisches Öl herzustellen. Die Frage ist hier also wirklich ernst gemeint, auch wenn CITES bedeutet, dass ja immer noch gehandelt werden kann. Im gleichen Anhang wie diese Pflanzen stehen auch bedrohte Tiere. Krokodilsleder ist gelistet und etliche Tiere und Produkte ihrer toten Form. Ein Kauf dieser gilt gesellschaftlich weithin als geächtet – auch, wenn diese immer noch Käufer finden und auch Gesellschaften, die dies anders sehen.

Ein Blick in die Praxis: Zu den oben aufgelisteten ätherischen Öl müssen alle Produzenten, alle Zwischenhändler und alle Endhändler ein Dokument vorlegen können: CITES Ausfuhrgenehmigungen. Vor dem Kauf sollte also unbedingt danach gefragt werden – und ein »ja« darf auch mit einer Kopie des Zertifikats untermauert werden.

Im Jahr 2017 wurde die Ätherisch-Öl-Firma Young Living von einem U.S. Gericht zu $760.000 Strafe verpflichtet, weil sie Rosenholz aus Peru und Narde aus Nepal illegal, also ohne CITES Ausfuhrgenehmigungen, einkaufte. Der U.S. Anwalt John Huber sagte, dass mehrere Mitarbeiter vorsätzlich und in erheblichem Umfang gehandelt hatten. Young Living kooperierte mit den Behörden in der Aufklärung. [6]

Bedroht, bedrohter, am ausgestorbensten

Gern schlage ich in der Internationalen Roten Liste der Bedrohten Arten nach. Es ist von einer Organisation geführt, daher nicht top-aktuell, aber man versucht zusammen zu tragen, wie der Bestand von bedrohten oder weniger bedrohten Arten weltweit ist. Wenn man dort einmal die hiesig bekannten Pflanzen ätherischer Öle eingibt, finden sich etliche mehr, als sie in der CITES Liste stünden.

In dieser Datenbank sollte unbedingt ein Blick auf das jeweilige Eintragungsdatum geworfen werden. Beim Boswellia sacra (ein Weihrauch aus Südarabien, Nordwest-Afrika) heißt es LC/NT (Lower Risk / Near Threatened) also »fast gefährdet« in einem Eintrag vom 1. Januar 1998 mit einer angegebenen Tendenz von »decreasing«, also abnehmendem Bestand. Das ist jetzt 22 Jahre her. Wir können nur erahnen, wie viele Arten wir seit 22 Jahre von der Erde haben verschwinden lassen. Mittlerweile differenziert man Boswellia sacra und Boswellia carteri in zwei Arten (vorher würde letzterer als Synonym für den ersteren geführt) und bei Boswellia carteri erheben sich die Stimmen, dass diese in den CITES Appendix II aufgenommen wird.

In der abgebildeten Grafik könnt ihr die Schritte erkennen. VU z. B. bedeutet u. a., dass weniger als 2.000 km² der Erde noch von dieser Pflanze bevölkert sind.

Folgende Pflanzen sind für die Aromatherapie relevant und gefährdet oder bedroht

(die Einträge sind hinter der Namen verlinkt):

 

  • Cedrus atlantica (Atlas-Zeder) – EN – Eintrag vom 7. Februar 2013 – Bestand abnehmend. Das kommt für viele überraschend. Die gute Nachricht ist: Das Öl der Atlas-Zeder kann aus Zweigen (nicht dem ganzen Baum) gewonnen werden und wird sehr gut in Plantagen angebaut. Hier lohnt es sich nachzufragen bei den jeweiligen Händlern.
  • Cedrus libani (Libanon-Zeder) – VU – Eintrag vom 21. Juli 2010 – Bestand abnehmend. Von ihr gibt es seit Jahren und Jahrzehnten kein Öl mehr zu kaufen, weil der Baum eigentlich stark unter Schutz gestellt wurde. Doch Urbanisation, Ziegenfraß und Rodungen für Wintersport (!) lassen den Baum weiterhin im Bestand abnehmen, trotzdem es Aufforstungsprojekte gibt.
  • Nardostachys jatamansi (Narde) – CR – Eintrag vom 16. Juli 2014 – Bestand abnehmend. Dabei hat Narde den einfachsten Ersatz: Baldrian, der fast genauso riecht, nur ein bisschen besser. CR ist eine Stufe vor “Ausgestorben in der Wildnis”. Von Narde gibt es bis heute keine Kultur. Sie wird nur in der Wildnis geerntet. Die nächste Stufe ist also EX – ausgestorben.
  • Aniba rosaeodora (Rosenholz) – EN -Eintrag vom 3. Januar 1998 – Bestand abnehmend. Ersatz: Ho-Holz (Cinnamomum camphora CT Linalool – aus dem Holz, nicht den Blättern)
  • Santalum album (Indisches Sandelholz) – VU – 8. Oktober 2018 – Bestand abnehmend. Ersatz: keiner. Andere Sandelholz-Arten sind bei steigender Nachfrage auch bedroht. Aber: Es gibt die ersten Plantagen. Sandelholz-Bäume müssen komplett gefällt werden. Das Öl befindet sich im Kernholz und der Wurzel. Sie brauchen in natürlicher Umgebung mindestens 30 Jahre ehe sie genügend Öl tragen. In Kultur konnte man dies schon verkürzen. Beim Einkauf also darauf achten, dass das Öl aus Plantagenbau stammt und es nur sparsam verwenden.
  • Von Guaiacum sind 4 verschiedene Arten gelistet. Eine CR, eine EN, eine VU und eine NT, also fast gefährdet. Das ist die, die im Ätherisch-Öl-Handel durchaus angeboten wird (mit CITES Zertifikat): Guaiacum sanctum.
  • Aquilaria malaccensis (Adlerholz / Oud) – CR – 22. Februar 2018. Nur in dem verletzten und mit bestimmten Pilzen infizierten Areal des Holzes bildet sich ein flüssiges Harz, das im Holz verbleibt und das ätherische Öl in sich trägt. Die Parfümindustrie ist süchtig nach dem Stoff und finanziert Forschungsprojekte zum Erhalt des Duftes. Die ersten Öle gibt es aus Plantagen (CITES Zertifikat erfragen).

Nachhaltige Aromatherapie

All die oben genannten Informationen sollen einer Sache dienen: Der Zukunft – mit unseren wunderbaren Düften. Die Zahlen und Klassifizierungen sind unsere Argumentation, um nachzufragen. Je mehr wir das tun, um so mehr wird sich in Sachen Nachhaltigkeit ändern.

Aber auch in unserer eigenen kleinen Aroma-Bubble oder Aromapraxis haben wir viel in der Hand. Beim Erstellen von Rezepturen oder beim Nachmischen anderer Zusammenstellungen können wir uns fragen, was und wie viel wirklich für das Ziel notwendig ist.

So schützen wir aktiv mit, womit wir uns täglich so gern umgeben.

 

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