Gewürznelke als eugenolreiches Öl kennen wir in der klassischen Aromatherapie im punktuellen Einsatz bei rheumatischen Schmerzen. Es zeigt sich immunmodulierend, entzündungshmmend und ist vor allem für seine schmerzsstillende Wirkung bekannt. Da Eugenol nicht unproblematisch ist und einige Kontraindikationen führt, wird damit darüber hinaus nicht allzu viel gearbeitet. In der Psycho-Aromatherapie führt es ebenso eher ein Schattendasein wegen seinem bekannten starken, strengen Medizinalduft, der nicht selten an Zahnarzttermine erinnert. Doch steckt in der Pflanze und in ihrem Duft eine thematisch Kraft, die bemerkenswert ist.

Nelkenknospe – die Zepter der Gewürznelke

Der Duft der Gewürznelke ist stark, durchdrängend, würzig, warm, fruchtig, leicht süß und hat auch etwas leicht holziges. Wenn man erraten müsste, woher der Duft stammt, wären es wohl Samen oder das Holz. Stattdessen werden die Blütenknospen, wenn sie sich vom gelben Farbton rötlich überziehen und kurz davor sind aufzuplatzen, geerntet, sonnengetrocknet und geben gerieben ihr volles Aroma frei.

Wie kleine Zepter sehen die Blütenknospen aus. Ein stolzer Stamm, der mit vier „Fingern“ eine konische Kugel hält. Die Zahl 4 steht für Stabilität und Tarot für den Kaiser. Wollte man dem Kaiser in China so ca. 200 v.u.Z. begegnen, kaute man zuvor auf einer Nelke, um den Atem zu reinigen.

Gewürznelke - gelbe Knospen

Vom Mörder, der Gnade erfuhr

Es gibt die Geschichte des Arabers Harameli bin Saleh, der wegen einem Mord nach Zanzibar verbannt wurde. Er fand dort Arbeit bei einem französischen Offizier. Es war die Zeit, als das portugiesische Gewürzmonopol zerschlagen wurde und auf vielen Inseln Plantagen mit Gewürznelkenbäumen entstanden. Harameli bin Saleh gelang es, von der französischen Kolonialinsel Réunion Gewürznelkensamen zu besorgen. Diese präsentierte er seinem Sultan, der sofort den großen ökonomischen Wert erkannte. Der Sultan begnadigte ihn für sein Verbrechen und ließ mit den Samen Plantagen auf Zanzibar errichten.

 

Edlen Hauptes das Überleben sichern und sich weiterentwickeln

In dieser Geschichte steckt viel der Weisheit der Gewürznelke, wenn man sie kennt. Sie tritt helfend in Erscheinung, wenn wir uns in Lebensumständen wieder finden, die uns und unsere Existenz potentiell bedrohen. Statt emotional lähmend zu reagieren, gelingt es mit Gewürznelke, die Gesamtsituation vorausschauend und analysierend zu erkennen und sich Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Die Weisheit der Gewürznelke ist jene, sich in jeder Krise anpassen zu können, um sich Raum und Ruhe zu verschaffen, sich innerlich weiterzuentwickeln. Ihr geht es nicht um Routine, um Sorgen, um einen täglichen Überlebenskampf. Mit klugen Entscheidungen eines Strategen bringt sie solche Themen auf Distanz. Das Leben darf weitergehen und so auch die innere Entwicklung. Eine ganz edle Haltung schwingt bei ihr mit.

Sicher, es ist ein bisschen schwer, in der Geschichte um Harameli bin Saleh einen Edelmann zu finden. Doch kommen wir nicht umhin, das strategische Erkennen und Nutzen von Chancen wahrzunehmen, welche die eigene Lebenssituation verbessern und eine Weiterentwicklung auf höherem Niveau ermöglichen.

Da wir heute gesamtgesellschaftlich in einer Krise stecken und auch individuell stark involviert sind, ist die Gewürznelke vielleicht eine gute Begleiterin, um aus existentiell bedrohlichen Situationen wieder gut, gar edel, hervorzugehen.

Die Blätter beim Austritt sind rötlich - typisch für Myrtengewächse

Sicher anwenden

Damit die Anwendung nicht schadet ein paar Hinweise:

  • Nicht mit Gewürznelke in Schwangerschaft, Stillzeit, bei Babies und Kindern arbeiten
  • In einem Riechsalz ist der Duft gut aufgehoben, um ein paar Mal am Tag bewusst daran zu riechen und die Inspiration zu spüren
  • Bei körperlicher Anwendung niedrig dosieren (1 %) und möglichst nur bewusst und nicht routiniert / ritualisiert damit arbeiten. Wenn der Impuls für eine Pause kommt, unbedingt nachgeben.
  • Sehr gut auf Qualität achten und nur bei Händlern beziehen, denen ihr 100 % vertraut. Es wird viel mit dem Öl gepanscht und gern synthetisches Eugenol hinzugeben.

Bildquellen:
Im Titelbild links das Bild von Hafiz Issadeen / flickr. Daneben das Bild entstammt dem Projekt Species-ID.
Das erste Beitragsbild ist von Regina Nogova / shutterstock. Das zweite Betragsbild ist von David Eickhoff / wikimedia.

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